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Interviews

Von München nach Garmisch in 6:48

Interview mit dem Ultraläufer Benedikt Hoffmann

Ein Ultralauf – was ist das eigentlich?

Laut Wikipedia ist ein Ultramarathon „eine Laufveranstaltung über eine Strecke, die länger als die Marathondistanz von 42,195 km geht“. Das fängt ab einer Distanz von 50km an und schraubt sich hoch zu einer Strecke von bis zu mehreren Hunderten Kilometern.

Benedikt läuft die 100 Kilometer Strecke in 6:48 Stunden! Diese Distanz entspricht etwa der von München nach Garmisch-Partenkirchen (!).

Doch nicht nur an Ultraläufen nimmt er sehr erfolgreich teil, auch über die Marathon- und Halbmarathonstrecke hat er zahlreiche Siege erzielt, wie beispielsweise beim Freiburg-Marathon 2016 mit Streckenrekord! Auch bei Bergläufen gewann er zahlreiche Medaillen inklusive Streckenrekorde (unter anderem beim Tote-Mann Berglauf 2015).

Im Interview erzählt er uns, woher er seine Motivation nimmt, wie er überhaupt zu diesen langen Distanzen kam, was seine größten Erfolgen waren und wie seine Trainingsroutine aussieht.


Ihre große Leidenschaft ist das Laufen.
Wie lange machen Sie das inzwischen schon und wie kamen Sie dazu?

Laufen ist seit klein auf in meinem Alltag integriert, aber mit sehr wechselnden Ambitionen.

Laufen war für mich lange kein Leistungssport. Als Jugendlicher nutzte ich es als Training für´s Fußball spielen.

Dann begann ich mit Triathlon, erst mit 28 Jahren war der Fokus gesetzt…Marathonlauf, Berglauf und seit 2016 auch Ultralauf.

 

Wie kamen Sie dazu, sich die 100km Distanz vorzunehmen? (Wie wurde der Gedanke geboren?)

Eine Sportkarriere ist auch eine Suche nach seinen Talenten. Die physiologischen Ansprüche sind im Laufsport extrem unterschiedlich, wenn wir alle Distanzen von 800m bis zum 100km-Ultralauf betrachten.

Man testet sich im Training und Wettkampf über Jahre sozusagen aus, lernt seine Stärken und Schwächen kennen. Seine besten Karten ausspielen, das möchte natürlich jeder Sportler. Tempogefühl, extreme Ausdauer und Robustheit im Training und im Wettkampf stellte ich auch vor der deutschen Meisterschaft über 100km 2017 unter Beweis.

Ob es auch für einen schnellen 100km-Ultralauf reichen würde, … der Beweis stand noch aus!

 

Können Sie vom Lauf-Sport leben oder ist es mehr ein teures Hobby?

Finanzielle Unterstützung ist sehr rar im Laufsport. Kurzum: Für´s Geld mache ich es nicht.

Dennoch freue ich mich über Zuschüsse von Sponsoren und Verbänden – nur so kann ich meinen Sport weiter professionalisieren und weitere Ziele in Angriff nehmen. Diesen finanziellen Bonus haben Leichtathleten auch verdient, denn wir erfüllen wichtige Vorbildfunktionen für die Gesellschaft.

Ich arbeite als Gymnasiallehrer mit voller Stundenzahl und unterrichte die Fächer Chemie, Biologie und Erdkunde. Das sichert mich finanziell ab. Zudem erlebe ich tagtäglich als Lehrer viele Synergieeffekte zwischen meinem Beruf und meiner Leidenschaft Laufen. Wer sich täglich im Training quält, weiß sich zu motivieren. Das möchte ich an meine Schüler/-innen weitergeben.

Beim Laufen gelingt es mir vielfach die fachlichen und zwischenmenschlichen Probleme des Berufs zu sortieren und gelegentlich komme ich mit einer Lösung nach dem Training nach Hause. Ein befreiendes Gefühl 😊

 

Was ist Ihr größter sportlicher Erfolg und was waren Ihre schönsten Momente als Sportler?

Es gibt für mich nicht einen größten sportlichen Erfolg! Meine Stärke in unterschiedlichen Disziplinen und die Kontinuität auf diesen Strecken, das zeichnet mit aus.

Ich laufe bereits seit 4 Jahren im Berglauf-Nationalteam. Meine internationalen Erfolge dort, wie beispielsweise der 5. Platz bei der Berglauf-Langdistanz 2016, waren echtes Gänsehaut-Feeling.

Die Atmosphäre bei Welt- und Europameisterschaften sind grandios. Auch mein 8. Platz über 50km bei der WM in Doha war unvergesslich – vermutlich, weil die Hitze dort das Rennen so hart gemacht hat.

Mein erster deutscher Meistertitel über 100km – die Königsdisziplin im Ultralauf – bleibt auch unvergesslich.

Man kann die schönsten Momente beim Sport aber nicht nur an Erfolgen messen. Ich hatte einige Jahre, in denen ich anstrengende Prüfungen im Studium- und Berufsleben meistern musste, dennoch den Leistungssport dabei nicht aus den Augen zu verlieren, hat mich weitergebracht. Die sportlichen Erfolge in diesen Jahren haben mich besonders stolz gemacht – denn es war umso schwerer sie zu erreichen.

 

Haben Sie sich schon neue sportliche Ziele gesetzt?

Ende einer Saison analysiere ich, inwiefern mein Trainingsaufwand meinen Erfolgen gerecht geworden ist. Erst danach plane ich weiter. Berglauf und Ultralauf wird aber sicher auch 2018 im Fokus stehen.

 

Wie sieht Ihre Trainings-Routine aus und wie bereiten Sie sich speziell auf so einen Ultra-Lauf vor?

Mein Training kann ich nur selten nach rein trainingswissenschaftlicher Gestaltung ausrichten – der berufliche und private Zeitplan spielt auch eine wichtige Rolle.

Eine 100km-Ultralaufvorbereitung benötigt 150km bis 220km pro Woche, verteilt auf 10 Trainingseinheiten.

Der Fokus liegt auf

  • langen Läufen,
  • Dauerläufen im Vier-Minuten-Schnitt pro Kilometer und
  • 1-2-mal Tempotraining pro Woche
  • Hinzu kommen leichtes Krafttraining und Gymnastik.

Um das hinzubekommen muss ich manchmal ganzschön jonglieren. Daher versuche ich keine Anfahrtswege zum Training zu haben oder erledige meinen Arbeitsweg laufend.

 

Haben Sie dabei eine Lieblingsübung bzw. gibt es auch eine Trainingseinheit, die Sie überhaupt nicht leiden können?

Ich habe ein Faible für Trails – je bergiger desto besser. Doch auf denen lässt sich hohes Tempo nicht trainieren. Richtig gut quälen kann ich mich, wenn ich 800 Höhenmeter oder mehr bergauf laufe. Eine Quälerei die mir Spaß macht.

Großen Respekt habe ich immer vor den gaaanz langen Trainingseinheiten von 50km und mehr. Auf der ersten Hälfte der Strecke mache ich mir viel zu viele Gedanken, wann der „Blödsinn“ mal um ist. Wenn der Punkt erreicht ist, dann denke ich nicht mehr, dann laufe ich und bin völlig im Reinen mit mir und der Umwelt. So richtig „hassen“ tue ich nichts – es sei denn ich bin so richtig platt. Aber da muss man durch.

 

Wie schaffen Sie es, sich immer wieder zu motivieren und bei so extrem langen Strecken nicht einfach aufzuhören, obwohl bereits alles schmerzt?

Motivation ist vielschichtig – die besten Motivationstechniken liegen irgendwo zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Grundsätzlich fasse ich es als riesen Glück auf, beim Laufen die Natur zu genießen und meinen Körper zu spüren.

2015 bin ich am Vorabend des Zürich-Marathons durch die Stadt geschlendert und habe die wohlhabenden Menschen in den Hotels beobachtet. Die meisten schienen nicht in der Lage 42,2km durch die Stadt zu rennen. Doch eigentlich ist es genau das, wozu wir uns evolutiv entwickelt haben. Der Mensch ist ein Ausdauertier. Im Ultralauf kann man beweisen zu welchen Ausdauerleistungen der Mensch fähig ist.

Aber nur wenn er diese Leistungsfähigkeit langfristig ausgebaut hat!

 

Haben Sie ein Vorbild? (Wenn ja, wen und warum?)

Ich würde gerne einmal mit dem Japaner Takahiro Sunada trainieren, weil er von Marathon (PB: 2:10:07h) bis 100km (6:13:33 h, Weltrekord) auf höchstem Niveau laufen kann.

Lernen kann man aber von ganz vielen Läufern etwas – nicht nur von denen, die schneller als man selber ist. Der Umgang mit den Dingen – das ist entscheidend.

 

Welchen Stellenwert nimmt Ihre Ernährung ein?
Was ist Ihr Lieblingsgericht und was Ihre "Lieblingssünde"?

Leistungssport betreiben hört natürlich nicht nach dem Training auf. Alles was man tut und macht im Alltag beeinflusst mehr oder minder die Leistungsfähigkeit - egal ob Schlaf, jede Art von Stress oder eben die Ernährung.

Jede Art von Junkfood versuche ich zu vermeiden, Fleisch und Fisch esse ich eher selten. Aber sonst greife ich zu fast allem. Ein Lieblingsgericht von mir sind diverse Formen von Aufläufen mit herzhaftem Käse, als Nachtisch darf es eine große Portion Eis sein. Damit wären wir dann auch schon bei der „Lieblingssünde“.

 

Und wie sieht es mit Essen und Trinken während eines Ultra Runs aus?

Im Vergleich zu vielen andere Läufern habe ich einen recht robusten Magen. Daher brauche ich bei einem Ultra Run nicht pingelig zu sein – Kohlenhdydratgetränke, Gels etc. nehme ich zu mir.

 

Was haben Sie beim Sport immer dabei?
(„Sport-Essentials“ - z.B. Lieblingsschuhe, Kopfhörer, ein Riegel, Getränk etc.)

Als Läufer darf und sollte man vor allem eins genießen: Die Einfachheit dieses Sports!

Aber bei meinem Schuhwerk tüftele ich gerne ein wenig herum. Je nach Gelände, Untergrund und Lauftempo variiere ich die Schuhe und auch die Schnürung. Interessant wird es bei widrigen Bedingungen: Halstücher, Mützen, etc. und gute Funktionskleidung machen die widrigen Bedingungen zumindest erträglicher.

Interessant wird es, wenn ich zur Arbeit laufe: Geschickt gewählte Kleidung und ein paar Utensilien werden in einem Laufrucksack verstaut und ab geht die Post!

 

Was würden Sie einem Neuling bei seinem ersten Ultra-Lauf mit auf den Weg geben wollen?

Gehen wir mal von einem 100km Ultralauf aus:

1. Marathon- und am besten 50km Wettkampferfahrung mitbringen!

2. Mindestens drei Läufe von Minimum 55 km absolviert haben!

3. Einen guten Witz für KM 85 parat haben!


Vielen Dank Benedikt für dieses interessante Interview und den Einblick in die Langstreckendisziplin!

 

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Schau auch auf seiner Website vorbei, hier informiert er Dich über seine letzten Läufe, schildert seine Eindrücke, sowie den Verlauf der Rennen!

 

Und jetzt zieh Deine Laufschuhe an und folge Benedikts Rat: Genieße die Einfachheit dieses Sports! 🏃‍♂👟

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